
Andy Warhol, Maja (Maja Sacher-Stehlin), 1980, Foto: Martin P. Bühler
ProgrammZeitung 7-8/2015, S. 19
Ein Rückblick in die zeitgenössische Zukunft
Françoise Theis
Das Schaulager rückt die eigene Sammlung in den Fokus.
Sogar das Schaulager ist zu klein, um alle Werke der Emanuel Hoffmann-Stiftung (EHS) ausstellen zu können. Über drei Generationen sind mehr als tausend Werke zusammen gekommen, die nun in einer exemplarischen Auswahl präsentiert werden. Die Stifterin Maja Sacher wollte sie allen zugänglich machen. Dass dies längst geschieht, merkt man beim Rundgang, der eine fantastische Zeitreise durch ein Jahrhundert ist: Immer wieder blitzt Bekanntes auf – Max Ernsts ‹La roue du soleil (Grande Marine)› etwa –, und man stellt fest, dass die Werke der EHS Teil des Basler Kunstlebens sind.
Sammlungsstrategien.
Insbesondere Bruce Naumann gilt es zu erwähnen: Es ist der Künstler, dessen Werke von allen drei Stiftungspräsidentinnen gesammelt wurden. Die Aus-
stellung ist im Erdgeschoss chronologisch angelegt und zeigt das anfängliche Sammeln einzelner Positionen. Im Untergeschoss wird dann mit Katharina Fritsch und Robert Gober, Cindy Sherman, Elizabeth Peyton oder Thomas Demand auf Werkgruppen fokussiert, die auch die aktuelle Sammlungsstrategie verdeutlichen. Beachtenswert hier die frischesten Ankäufe des weissrussischen Künstlers Alexej Koschkarow, die das Sammeln von zukunftsgerichteter und noch nicht etablierter Kunst bestätigen.
Besonders anziehend sind die Obergeschosse. Hier wurden einzelne Lagerräume, in denen die Kunstwerke normalerweise ‹hängend› aufbewahrt werden, in Ausstellungsräume umgestaltet. Schwindel erregend ist Gary Hills beunruhigende Videoinstallation ‹Dervish› oder das noch nie ausgestellte Werk ‹Gamma› der Zwillinge Jane & Louise Wilson. Meditatives ist zu erleben, wenn man in Bill Violas gigan-tisches 5-Kanal-Video ‹Five Angels for the Millenium› eintaucht, den Überblick durch die zig kleinen Tonfiguren von Peter Fischli/David Weiss’ ‹Plötzlich diese Übersicht› verliert oder sich in Jean-Frédéric Schnyders 119 Gemälden von ‹Wanderung› unendlich ergeht.
Werke extra muros.
Einige Jahre musste Dieter Roths ‹Selbstturm; Löwenturm› (1969–1998) ein einsames Dasein im Dalbeloch fristen. Das berührende Vermächtnis des Basler Künstlers, an dem er bis zu seinem Tod arbeitete, konnte
aus konservatorischen Gründen der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich gemacht werden, denn mit Glasplatten gestapelte Türme aus Jahrzehnte alten Schokolade- und Zuckerskulpturen reagieren sensibel auf Licht, Temperaturschwankungen und Erschütterungen. Auf Anmeldung können die Türme am Ort ihrer Erschaffung und ihrer stetigen Veränderung nun bestaunt, erforscht und beschnuppert werden.
Hingegen immer schon zugänglich sind Ilya Kabakovs oft übersehenes ‹Denkmal für einen verlorenen Handschuh› vor dem Museum für Gegenwartskunst, Renzo Cucchis hochragende Bronze ‹Ohne Titel› in den Brüglinger Merian Gärten und Richard Serras zehnteiliges ‹Open Field Vertical/Horizontal Elevations (for Breughel and Martin Schwander)› im Wenkenpark in Riehen.
Lese- und Sehstoff.
Der neue, gewichtige Sammlungskatalog der EHS trägt einen leuchtend orangen Einband, der
aus einem Siebdruck von Katharina Fritsch stammen könnte. Er ist sechs Zentimeter dick und wiegt drei Kilo. Kein Wunder, enthält er doch zu jedem der über 1000 Werke eine Abbildung – von Francis Alÿs’ Gemälde ‹Untitled› (Lección de Música) bis Heimo Zobernigs partizipativer Architekturskulptur ‹Ohne Titel› sowie zu allen Kunstschaffenden Kurzbiografien und Texte zu ausgewählten Werken. Letztere geordnet nach Eingang in die Sammlung, von Max Ernst bis Alexej Koschkarow – was erstmals erlaubt, die zeitliche Entwicklung des Sammelns nachzuvollziehen. Damit liegt eine formal schöne und inhaltlich vollständige Grundlage für die Entdeckung und Erforschung der Sammlung vor.
Leichter kommt das ‹Future Present. Magazine› daher, das als unterhaltsame und informative Lektüre vor Ausstellungsbesuch empfohlen sei.
‹Future Present. Emanuel Hoffmann-Stiftung, Zeitgenössische Kunst von der klassischen Moderne bis heute›: bis So 31.1.2016


























