
Münsterplatz, Foto: Anna Katharina Scheidegger
ProgrammZeitung 9/2015, S. 11
Neue Räume für neue Musik
Alfred Ziltener
Das Festival ‹ZeitRäume Basel› beschäftigt sich
mit dem Verhältnis von Musik und Architektur.
Zwölf musikalische Projekte mit insgesamt rund 140 Aufführungen an teilweise ungewohnten Orten bietet die erste Ausgabe des biennalen Festivals ‹ZeitRäume Basel› innerhalb von vier Tagen. Dabei wirken neben einer Vielzahl von MusikerInnen auch Schulkinder mit sowie – zahlreiche Tambouren. Zu hören ist Musik in ganz unterschiedlichen Besetzungen, darunter etliche Uraufführungen. Das Programm kreist um das Verhältnis von Musik und Raum. Der Basler Komponist Beat Gysin hat das Festival initiiert, und das ist kein Zufall: Wie kaum ein anderer beschäftigt er sich mit dieser Thematik; seine grossen Werke sind klanglich-szenische Installationen in ausgewählten bzw. von ihm selbst gestalteten Räumen.
In der Musikwissenschaft, führt er aus, gilt die Musik teilweise noch immer als Zeit-Kunst, im Gegensatz zu den Raum-Künsten Plastik und Malerei. Doch sobald sie aufgeführt wird, entfaltet sich auch die Musik im Raum, abhängig von der jeweiligen Akustik. Aber unsere Konzertsäle, auch die neueren wie das Luzerner KKL, basieren auf Vorstellungen des 19. Jahrhunderts. Sie sind ideal für die grossen Sinfonien der Romantik, jedoch zu unflexibel für die zeitgenössische Musik, die oft das Räumliche zum Bestandteil der Komposition macht. Es brauchte neue Aufführungsorte mit viel mehr Möglichkeiten.
Teil eines Raum-Arrangements.
Gysin schwebt ein ‹szenografischer› Konzertort vor, der sich während der Aufführung verändern lässt und wo die MusikerInnen auch unter- und oberhalb des Publikums spielen können. In seinem Büro steht das Modell eines solchen Konzertsaals der Zukunft, in dem das Publikum auf einer Art Netz in halber Höhe sitzt.
Soweit sind wir wohl noch lange nicht, doch mit seinem Festival möchte Gysin die Diskussion anstossen, Architektur- und Musikschaffende miteinander ins Gespräch bringen. Das brauche ein neues Denken in der Architektur und den Abbau von Ängsten auf Seiten der MusikerInnen, die plötzlich nicht mehr die Stars auf dem Podium wären, sondern Teil eines Raum-Arrangements würden. Der zeitgenössischen Musik böten solche Säle allerdings neue Chancen, nicht nur durch die Erweiterung der gestalterischen Möglichkeiten, sondern auch in der Rezeption. Beat Gysin hat oft beobachtet, dass das Publikum in solchen Konstellationen weit offener ist für neue Klänge als im traditionellen Konzertsaal.
Neuartige Klangerlebnisse.
Gysin selbst hat Konzerträume entworfen und mitentwickelt, die sich während der Aufführung verändern lassen und leicht transportierbar sind. Einer davon wird während des Festivals im Volkshaus aufgebaut: Um eine runde Plattform in der Mitte drehen sich langsam zwei breite konzentrische Ringe. Auf dem inneren Ring sitzt das Publikum; die MusikerInnen agieren im Zentrum und auf dem äusseren Ring. Durch die doppelte Drehbewegung entsteht so ein Klangraum, der sich kontinuierlich verändert, während die Zuhörenden sitzen bleiben. In rund 30 kurzen Konzerten erklingen unterschiedlich besetzte Kompositionen, die eigens für diesen Raum entstanden sind bzw. umgearbeitet wurden.
Neuartige Klangerlebnisse versprechen auch ein Projekt im Rheindüker, der neben der Dreirosenbrücke den Fluss unterquert, ein Stück für drei in der Halle des Badischen Bahnhofs an meterlangen Seilen schwingende Lautsprecher sowie die Eröffnung des Festivals auf dem Münsterplatz mit rund 100 TambourInnen in einer Raumkomposition von Trommelstar Ivan Kym und dem Komponisten Wolfgang Mitterer, gefolgt vom Konzert ‹Raumklang Münster› mit zahlreichen Schulkindern und von einem begehbaren Klangraum im Kreuzgang. Zum Programm gehören ferner eine Installation im Architekturmuseum, Klangführungen durch die Stadt, Publikums- und Werkstattgespräche, klingende Flashmobs und vieles mehr. Im Rahmen des Festivals wird zudem Bundesrat Alain Berset den Schweizer Musikpreis 2015 vergeben, u.a. an die in Basel lebenden Heinz Holliger und Christian Zehnder.
Festival ‹ZeitRäume Basel›: Do 10. bis So 13.9., div. Orte
www.zeitraeumebasel.com.


























