
Samuel Koch, Foto: zVg
ProgrammZeitung 4/2015, S. 14
Nicht-Gezeigte zeigen sich
Alfred Ziltener
Die 2. Basler Dokumentartage bieten Einblicke ins vielfältige Leben.
Seit rund 15 Jahren lebt der Brite James Leadbitter, der sich als Schauspieler und Politaktivist ‹The Vacuum Cleaner› nennt, regelmässig als Patient in psychiatrischen Anstalten. Er gilt als Borderliner, ist suizidgefährdet und gerät mit seinen Aktionen immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz. Davon erzählt er in der autobiografischen Solo-Performance ‹mental› dem Publikum, das sich um sein Bett versammelt. Als Basis dienen ihm Krankenakten und Polizeiberichte.
Im Rahmen der Basler Dokumentartage ‹It’s the real thing› gastiert Leadbitter mit seiner Story im Roxy. Der Basler
Regisseur Boris Nikitin, der das Festival des Dokumentarischen Theaters 2013 ins Leben gerufen hat, kuratiert auch diese zweite Ausgabe. Während fünf Tagen präsentiert er ein hochkonzentriertes Programm mit Performances, Filmen, einer Ausstellung, Diskussionen und Vorträgen sowie von Kunstschaffenden geführten Exkursionen. Schauplätze sind neben dem Roxy vor allem die Kaserne Basel, das Schauspielhaus, das Wohn-Museum Kirschgarten und das Naturhistorische Museum.
Wahrgenommen werden.
Hinterfragte das erste Festival den Anspruch des Dokumentarischen Theaters, die Wirklichkeit abzubilden, so geht es diesmal darum, wie das Dokumentarische Theater selbst Wirklichkeit schafft: Wenn Menschen wie Leadbitter ihr Leben zeigen, wird es zum Bestandteil der Realität des Publikums und Objekt des öffentlichen Diskurses. Nikitin zitiert die Kritik des Regisseurs René Pollesch, dass das traditionelle (Stadt-)Theater ausschliesslich die Welt weisser, heterosexueller Männer spiegelt; Frauen kommen allenfalls als Opfer vor, MigrantInnen beispielsweise überhaupt nicht. Im Dokumentarischen Theater hingegen treten die Nicht-Gezeigten selbst auf, sie wollen ‹vorkommen›. So ist Dokumentarisches Theater immer auch politisches Theater.
Eröffnet wird das Festival mit der Chor-Performance ‹Magnificat›. 25 polnische Frauen jeden Alters, die meisten Laien, sprechen, flüstern, brüllen als Chor unterschiedliche Texte, Fragmente von Euripides und Elfriede Jelinek, Zeitungsartikel, eigene Statements; zuletzt erklingt auch Gesang. Natürlich sei das kein Dokumentarisches Theater im eigentlichen Sinne, gibt Nikitin zu, doch diesen Frauen gehe es genau darum, mit ihrem Leben, ihrer Weltsicht wahrgenommen zu werden.
Beziehungsgeschichten.
Auch der querschnittgelähmte Schauspieler Samuel Koch macht seine Situation öffentlich und spiegelt sie in seiner Performance zu Franz Kafkas ‹Bericht für eine Akademie›. Gintersdorfer/Klassen bringen Musik- und Tanzschaffende aus Côte d’Ivoire nach Basel. Tim Etchells von der englischen Theatergruppe Forced Entertainment ist mit seinem ersten Soloprogramm ‹A Broadcast/Looping Pieces› präsent. Ariane Andereggen nimmt ihre Performance ‹Rohstoff – eine Verarbeitung› wieder auf. Und ein Schwerpunkt gilt den Dokfilmen des dänisch-amerikanischen Performance-Künstlers Joshua Oppenheimer.
Im Historischen Museum Basel ist zudem das ‹Museum of Broken Relationships› aus Zagreb zu Gast. Es zeigt Gegenstände, die an eine zerbrochene Beziehung erinnern, und die damit verbundenen Geschichten. Seit 2006 tourt es durch die Welt und erweitert seine Sammlung an jedem Ausstellungsort mit Beiträgen von Menschen, die dort leben. Für die Basler Schau seien, erzählt Nikitin, bereits etliche Objekte abgegeben worden.
‹It’s The Real Thing – Basler Dokumentartage 15›:
Mi 15. bis So 19.4., diverse Lokale, www.itstherealthing.ch
‹Museum of Broken Relationships›: Do 16.4., 18 h (Vernissage),
bis So 30.8., HMB, Museum für Wohnkultur, Haus zum Kirschgarten


























