
Patti Smith, Foto: zVg
ProgrammZeitung 6/2015, S. 13
Ein nostalgisch verpackter Aufbruch
Michael Baas
Das Stimmen-Festival präsentiert Newcomer und Altstars.
Der grafische Auftritt ist neu: Ein blauer Vogel flattert aus einer gelben Muschel, die aus dem roten Schalltrichter
eines alten Grammophons herausragt. Das erinnert an die Symbolik der ersten Stimmen-Festivals. Doch unter der nostalgisch anmutenden Patina bekräftigt Markus Muffler seinen 2013 eingeschlagenen Kurs, setzt Akzente einmal mehr in jüngeren, vor allem angloamerikanisch inspirierten Spielarten des Pop und Folk und pflegt das Singing/Songwriting. Das zieht sich fast wie ein roter Faden durchs Programm – vom melancholischen US-Amerikaner William Fitzsimmons und der expressiven Britin Nadine Shah, die in einem Doppelkonzert auftreten, über die junge Britin Julia Biel und die Norwegerin Thea Hjelmeland, die in Saint-Louis ebenfalls im Doppelpack zu hören sind, bis zu Stars wie Bob Dylan, Melissa Etheridge und Sophie Hunger, die alle den Lörracher Marktplatz bespielen.
Weltmusik, lange der Inbegriff des Vokalfestivals als Forum der Welterkundung, taucht dagegen vor allem noch als mainstreamfähiger Mix aus Tradition und Zeitgenössischem auf; dafür stehen die aus Kamerun stammende Französin Sandra Nkaké, die Portugiesin Aline Frazão und Emel Mathlouthi, die Stimme der tunesischen Jasminrevolution 2010/11. Das verkörpern aber auch Ivan Lins, der grosse, alte Mann der ‹Música Popular Brasileira›, der das Festival mit der SWR-Bigband eröffnet, oder das Yiddish Twist Orchestra, das die Schiene der Weltmusikparties fortsetzt.
Zunehmender Wettbewerb.
A-cappella-Gesang bieten u.a. das Ensemble Nordic Voices, das mit nordeuropäischer Vokalmusik experimentiert, und das zum Stimmen-Inventar zählende korsische Männerensemble A Filetta, das mit der Libanesin Fadia Tomb El-Hage ein mediterranes Crossover versucht. Sie spielen in der Reithalle im Riehener Wenkenpark, wo sich Muffler wohl endgültig von den Open-Air-Konzerten verabschiedet hat, da ihm das Setting zu nahe am Rosenfelspark liegt. Keine Veränderung gibt’s dagegen beim zweiten Schweizer Stimmen-Schauplatz Augusta Raurica – zumindest solange der ehemalige Baselbieter Kulturbeauftragte Niggi Ullrich dort das Programm macht, d.h. bis einschliesslich 2016. Heuer sind zwei Mal ‹Irish Vibes & Waves› angekündigt – einmal akustisch-poppiger Folk, sodann Mick Flannery und die u.a. durch esoterisch-spirituelle Ausflüge aufgefallene Sinéad O’Connor.
Die Festivallandschaft ist hart dieser Tage: Mehr Wettbewerb infolge der breit kultivierten Festivalidee, Exklusivitätsansprüche grosser Festivals und steigende Gagen machen es mittleren Festivals schwer. «Die Situation wird schwieriger», sagte Muffler denn auch bei der Programmvorstellung. Gleichwohl komponiert Stimmen 2015 ein beachtliches Line-up vielversprechender Newcomer und internationaler Stars; dafür stehen etwa Lionel Richie, einst Hitgarant des Soul-Pop, die nimmermüden Status Quo, die US-amerikanische Folkrockband The Hooters, deren Songs wie ‹Karla With a K› Ende der Achtzigerjahre Ohrwürmer waren, und last but not least die Punk-Ikone Patti Smith, die anlässlich des 40-Jahre-Jubiläums ihres Erfolgsalbums ‹Horses› im Burghof Station macht – das stimuliert die Nostalgie und
ist doch mehr.
Stimmen-Festival: Do 2. bis So 26.7., diverse Lokalitäten im Dreiland, www.stimmen.com
Ausserdem: ‹Lörrach singt!›: Sa 27.6., ab 10 h, Lörrach, Innenstadt
‹Singeasy›: Mi 24. bis Fr 26.6., Singeisenhof und Dorfkirche, Riehen


























