
Probenaufnahme zu ‹Die grosse Schlacht›, Foto: zVg
ProgrammZeitung 9/2015, S. 15
Schlachtenlärm und Körper-Chips
Alfred Ziltener
Das Festival Treibstoff zeigt Projekte junger
Theaterschaffender zu Aspekten der Realität.
Das Fussballstadion Rankhof wird im September erstmals zur Theaterbühne. Im Rahmen des Förder- und Produktionsfestivals ‹Treibstoff Theatertage Basel›, das alle zwei Jahre Theaterleuten am Anfang ihrer Karriere die Möglichkeit gibt, ein eigenes Projekt zu realisieren, zeigt die Gruppe Helium X ihr Stück ‹Die grosse Schlacht›. Dabei geht es nicht um legendäre Fussball-Duelle, sondern um die Schlacht bei St. Jakob an der Birs von 1444. Die Gruppe will sie in kleinerem Massstab nachstellen, beschäftigt sich aber vor allem mit der heutigen Bedeutung des Ereignisses, das im 19. Jahrhundert patriotisch überhöht wurde. Damit greift sie in die aktuelle Diskussion ein um die mythisierende Verfälschung der Schweizer Geschichte durch die nationalistische Rechte. Und natürlich zieht sie eine Linie zu den (lokal-)patriotisch aufgeladenen Fussball-Schlachten von heute.
Auch in diesem Jahr wird Treibstoff von Kaserne, Roxy und Jungem Theater gemeinsam veranstaltet. Die Kaserne wird dann allerdings umgebaut und kann nicht bespielt werden. Darum hat man bei der Ausschreibung im letzten Herbst ausdrücklich Projekte gesucht, die gezielt für einen ungewöhnlichen Spielort konzipiert wurden.
Lust auf Fremdes, Anderes.
220 Bewerbungen aus dem ganzen deutschen Sprachraum, fast doppelt so viele wie vor zwei Jahren, hätten sie erhalten, erzählt Eva Heller, die Projektleiterin des Festivals. In diesem Jahr, fügt Kaserne-Dramaturg Tobias Brenk an, sei das grosse Interesse der jungen Theaterleute an der Recherche aufgefallen, die Lust, fremde Bereiche und andere Lebenskonzepte zu entdecken. Ein Beispiel dafür ist ‹Schichten› eines Kollektivs, das sich beim Studium in Hildesheim gefunden und letztes Jahr in Hamburg den Körberpreis für Regie gewonnen hat. Im Roxy bohrt es sich durch die geologischen Schichten der Erde und erkundet die Veränderungen und Ereignisse, die darin ihre Spuren hinterlassen haben.
Im Untergeschoss des Hauses beschäftigt sich derweil die Happy End Company mit den mexikanischen ‹Dias de los Muertos›, an denen im Volksglauben die Toten zurückkehren und mit einem Fest geehrt werden. Eine andere Gruppe spürt dem Phänomen des Beifalls nach. Auf der Bühne sitzt, wie ein zweites Publikum, ein Applaus-Chor aus BaslerInnen, der nach den Angaben einer szenischen Partitur klatscht, trampelt, brüllt, sich bewegt.
Modelle und Technologien.
In einer Rauminstallation des Künstlers Johannes Buss im Jungen Theater turnen – im wörtlichen Sinn – zwei Performende durch ein breites Angebot an Genderrollen und Beziehungsmodellen. Die Gruppe We Ate Lobster kündigt im ‹Carambolage› an der Erlenstrasse eine Ausstellung mit Stillleben an, die sie mit Häftlingen erarbeitet hat.
Mit der Produktion von Jana Blöchle und Dominik Fornezzi kommt das Theater vollends in der Realität an. An einem Stand in der Ineltec, der Technologiemesse für Gebäude und Infrastruktur in der Messe Basel, stellen sie die kommerziell noch kaum genutzten RFID-Chips vor, die in den Körper implantiert werden und automatisch Türen öffnen oder Haushaltgeräte bedienen können. Am letzten Messetag können sich Interessierte von einer Fachperson solche Chips einsetzen lassen.
Treibstoff Theatertage Basel: Mi 2. bis Sa 12.9., div. Orte,
www.treibstoffbasel.ch


























